Der Guru-Begriff im Osten und Westen

In allen traditionellen Yoga-Richtungen aus dem Osten steht jeweils ein geist-begabter Begründer in der Mitte, der von den Aspiranten als Vorbild verehrt wird und unentbehrlich ist auf ihrem Weg der Suche nach Wissen und Erlösung. Die indische Tradition kennt vier Guru-Stufen. Danach sind die ersten Gurus im Leben eines Menschen die Eltern die ihm einen Körper geben und ihn in die Höhen und Tiefen des Lebens einführen. Die zweite Gurustufe umfasst alle Lehrer des heranwachsenden jungen Menschen, die ihn auf der höheren Schule oder im Handwerksbetrieb in der beruflichen Ausbildung begleiten. Erst dann kommt der dritte Guru, der spirituelle Lehrer, der dem Menschen die Finsternis der Unwissenheit hinwegnimmt und ihm hilft, in eine selbständige Verbindung zu Gott zu finden. Dieses Verhältnis setzt eine äußerst respektvolle Haltung gegenüber dem Meister voraus sowie eine große Offenheit für seine Lehre. Nur dann wird sie sich auch bei ihm selbst entwickeln. Als vierte und letzte Stufe gibt es den Avatar, der eine Inkarnation Gottes ist. Avatara, was soviel heisst wie die Herabkunft des Göttlichen auf Erden. Indem die Gedanken des Schülers ständig um seinen Lehrer kreisen, der das Göttliche verwirklicht hat, wird er selbst schließlich auch zu dem werden, womit er sich beschäftigt. 

 

 

Ein Guru im Sinne eines Lehrers ist in der Yoga-Tradition etwas ganz Normales, Unentbehrliches. Der Fortschritt, das spirituelle Wachstum eines Schülers gründet sich auf dem Beziehungsverhältnis das er zu seinem jeweiligen Lehrer auf der entsprechenden Gurustufe aufbaut. Es ist nicht ein blindes Nachfolgen, sondern vielmehr auf der dritten und vierten Stufe ein bewusstes Auswählen des Lehrers, ein aufmerksames Hinschauen, Beobachten, Studieren der Person des Lehrers verbunden mit dem eigenen Wunsch nach Entwicklung.

 


 

 

 

Das Bild zeigt die ehrerbietende Haltung der Schüler (Devotees) für ihren spirituellen Lehrer Gurudeva bei seiner Ankunft im Jyoti Ashram in Indien im April 2000.

Im Westen ist der Begriff „Guru“ stark negativ besetzt. Er wird assoziiert mit Menschen, die andere von sich abhängig machen, nicht selten durch Gewaltanwendung und Lügen, die Arbeitskraft und Geld ihrer Schüler einfordern und ihre Abhängigkeit dann nutzen, um sie zu führen und in ihren Willen einzugreifen. Der Dokumentarfilm über Jim Jones und seine Gemeinschaft Peoples Tempel Jonestown ist eines von vielen Beispielen für dieses falsche Gurutum. Die Unzufriedenheit mit dem Gesellschaftssystem, die Suche nach Geborgenheit und Gemeinschaft, die Labilität durch erlittene persönliche Enttäuschungen und Verletzungen wird schamlos und bewusst ausgenutzt, um durch selbstbewusstes Auftreten und rhetorische Geschicklichkeit Menschen zu manipulieren, seelisch zu zerstören und wie in dem Fall von Jim Jones sogar zu töten.

 

Wie wir an der Definition des Guru-Begriffes gesehen haben, wählt sich der östliche Mensch einen anderen Menschen sozusagen als Vorbild, der schon mehr Wissen und Erfahrung errungen hat als er selbst, um von ihm zu lernen. Die Wertschätzung für einen anderen Menschen lebt im Westen nur sehr geringfügig. Gerne übernimmt man die Methode oder Technik die jemand für eine Sache entwickelt hat, der Mensch selbst verschwindet aber dahinter. Was bringt mir die Sache? Nützt sie mir oder nicht? Es tut mir gut, das ist die Hauptsache. Das Nutzprinzip steht ganz im Vordergrund. Am Anfang steht aber immer ein Mensch. Die Frage nach einem förderlichen Lehrer-Schüler-Verhältnis ist deshalb für die spirituelle Entwicklung sehr wichtig.