Kann man Yoga machen?

In der Bhagavad Gita, jener weisheitsvollen Schrift aus Indien, in der Krishna seinem Schüler Arjuna eine spirituelle Unterweisung gibt, lesen wir im Kapitel II, Vers 53:

 

„Wenn deine vom Gehörten verunsicherte Einsicht unerschütterlich gefestigt sein wird, unwankend in meditativer Einswerdung, dann wirst du Yoga erlangen.“

 

Ein sehr hohes Ziel ist hier mit dem Begriff „Yoga“ beschrieben. Eine Wahrheit, die entgegen genommen, die gehört wird und die zunächst einmal nicht unbedingt der eigenen Ansicht entspricht, wird so lange durch Auseinandersetzung und Hinwendung erforscht bis sie Teil von einem selbst wird. Indem ein sehr hoher Gedanke in das eigene Bewusstsein integriert wird, erlangt man Yoga. Genau genommen handelt es sich nicht nur um eine Integration, sondern sogar um eine Transformation des Bewusstseins. Der Schüler wird ganz eins mit dem Wahrheitsgedanken, er denkt, fühlt und handelt aus dem Gedanken und dies unerschütterlich, unwankend.

 

Yoga bedeutet in diesem Sinne ein neuer Mensch zu werden, der sein begrenztes, persönliches Bewusstsein auf eine höhere Stufe hebt. Wie ist dies denkbar in Verbindung mit einer körperlichen Yoga-Übungspraxis?

 

Heinz Grill, der Begründer des Neuen Yogawillen, hat die klassischen Übungen aus dem Hatha-Yoga mit Imaginationen bereichert, die er durch eine geistige Schau aus der seelischen Welt heraus gearbeitet und als Inhalt in die Asanas gelegt hat. Mit den Imaginationen ist jeweils eine sehr tiefe menschliche Seelenqualität beschrieben, eine Weisheit, eine Gesetzmäßigkeit, die dem heutigen Menschen nicht mehr ohne weiteres zugänglich ist und die ihn mit dem universalen kosmischen Leben intensiver verbindet. 

 

"Die Übungsweise gliedert sich daher in drei Schritte:

- Der erste Schritt ist immer die ästhetische und natürlich aktive Praxis des Übens.

- Der zweite Schritt ist die Auseinandersetzung des Übenden mit dem Bild und Inhalt der Übung.

- Der dritte Schritt führt schließlich als unmittelbarer Lernschritt in das soziale und tägliche Leben. Das Bild der Übung wird mit seinem Inhalt modifiziert und im Leben zur Bereicherung der Umgangsformen und Fähigkeiten angewandt. Nicht ein persönliches Erleuchtungserlebnis, sondern eine Steigerung der Seelenausstrahlung soll mit dieser Praxis erzielt werden."

(Heinz Grill, "Ein Neuer Yogawille und seine therapeutische Anwendung bei Ängsten und Depressionen")

 

Auf diese Weise verbindet sich das körperliche Üben mit einer sehr aktiven Bewusstseinstätigkeit, indem die Sinnbilder der Übung immer wieder gedanklich aufgebaut und ihr innerer Erlebenswert dann über die körperliche Ausführung als Empfindung erfahren wird. Von innen her wird das eigene subjektive Seelenleben um neue und weite Perspektiven bereichert. 

 

Die individuelle Erweiterung des Seelenlebens hat eine weitreichende regenerative Bedeutung für die Gesundheit des Einzelnen. Ohne dass der Yoga-Unterricht in therapeutischer Weise bei den Krankheiten direkt ansetzt, wird durch die bewusstseinsaktive Praxis der Übungen das Nervensystem stabilisiert und gestärkt. Neben der Stärkung der Wirbelsäule, der harmonisierenden Anregung der Organfunktionen, der Entspannung der gesamten Muskulatur und der Anregung des Stoffwechsels ist gerade diese Ruhe und Stärke des Nervensystems zu nennen, die durch die gedankenbildende Tätigkeit entsteht. Der Mensch kann sich dadurch immer freier machen von belastenden äußeren Lebensumständen, indem er sich diesen mehr betrachtend gegenüberstellt. Durch die entstandene freiere Handlungskraft kann er für sich selbst und für sein Umfeld aufbauende Lebenskräfte erzeugen. Diese neu errungene Seelenkraft wirkt gesundheitsfördernd auf den eigenen Körper wieder zurück.