4 Grundformen der Atmung

Die Atmung verbindet den Menschen sowohl mit der Außenwelt als auch mit dem eigenen Körper. Jeder Mensch atmet dabei auf seine eigene Weise, denn die Atmung ist an die Bewusstseinskräfte des Denkens, der Gefühle und des Willens gebunden. So wird beispielsweise der Atem intensiver wenn wir eine anstrengende Arbeit verrichten und er stockt uns förmlich wenn wir Angst haben oder eine schlimme Nachricht entgegen nehmen. Jeder Mensch ist in diesen 3 Kräften sehr subjektiv geprägt, so ist der eine vielleicht ein gefühlsbetonter Mensch, der andere ein Denker und wieder ein anderer sehr willensbetont und tatkräftig. So viele Menschen wie es gibt, so viele unterschiedliche Nuancen gibt es in der Verschiedenheit dieser Prägungen.

 

Fritz Riemann, Psychoanalytiker, Psychologe und Psychotherapeut unterteilt in seinem Buch „Grundformen der Angst“ das Wesen der Angst in vier verschiedene Persönlichkeitsbilder, den schizoiden, den depressiven, den zwanghaften und den hysterischen Menschen. Seine Studie zeigt sehr deutlich auf, wie unterschiedlich die von einer bestimmten Angst geprägte Persönlichkeit sich auf Beziehungen einlässt, ihre Aggressionen lebt und wie der jeweilige lebensgeschichtliche Hintergrund ist.

 

So hat jeder Mensch seinen eigenen Atemkreis in dem er atmet entsprechend seiner Prägungen und genetischen Strukturen. In der unvorstellbaren apersonalen Weite des Luft- oder Atemraumes wirken sehr freie Schöpferkräfte, die mit der Atmung aufgenommen werden können. Die Atmung wird erst dann wirklich frei, wenn sich der Mensch aus seinen gewohnten Denkstrukturen die ihn immer wieder an die Vergangenheit binden, lösen kann.

Je freier nun die Atmung von der eigenen persönlichen psychischen Konstitution ist, umso besser stehen dem Menschen diese frei wirkenden Schöpfer- oder Ätherkräfte zur Verfügung.

 

Kann sich der Einzelne in seinem Bewusstsein weiten dann verändert sich auch seine Atmung, wird weiter, freier, entspannter.

Die Ätherkräfte, die dem Menschen dann zufließen, hat Heinz Grill vier verschiedenen Organen zugeordnet, Herz, Nieren, Leber und Lunge. Jedes Organ steht mit einer bestimmten Atmung in Verbindung, sowie mit einer unterschiedlichen Bewusstseinsform und Art, dem Leben zu begegnen.

Mit der Schulung einer guten Beobachtung können Teilnehmer dadurch im Yoga-Unterricht auf sehr individuelle Art gefördert werden, indem durch eine unterschiedliche Gestaltung der Übungen eine bestimmte Atmung besonders angeregt wird. Es wird nicht der Atem in besonders intensiver Weise für die Bewegung benutzt, sondern der Teilnehmer zu einer jeweils bestimmten Art des Loslassens angeregt. Gelingt dies, fließen dem Menschen von seiner subjektiven Prägung freie Ätherkräfte zu und damit neue Impulse die ihn wieder öffnen für eine weitere Entwicklung.

Da jede dieser 4 Grundformen der Atmung auch eine Bedeutung für das Leben hat, kann durch Auseinandersetzung damit eine neue Bewusstseinshaltung erlernt werden, die den Menschen über seine Genetik hinausführt in eine größere Freiheit.

  

Aus dem klassischen Yoga sind in Verbindung mit der Atmung verschiedene pranayama-Übungen bekannt, das sind Techniken, mit deren Hilfe das feinstoffliche System des Körpers beeinflusst und die Lebensenergie, das prana, neu geordnet und zentriert wird. Der Atem wird nach genau vorgegebenen Regeln rhythmisiert, die Ein- und Ausatemphasen werden jeweils verlängert und längere Atempausen eingehalten. Der Übende kann sich auf diese Weise ein großes Kraftpotenzial erschließen. Im achtstufigen Weg des Raja-Yoga nimmt pranayama die vierte Stufe ein, d.h. es gehen drei Stufen der moralischen Läuterung, einem Studium von Heiligen Schriften, der Verehrung eines persönlichen Gottesideals und dem Praktizieren von Körperübungen dieser Disziplin voraus. Erst nach der Veredelung des eigenen Charakters erfolgen die Atemübungen, durch die dann das Bewusstsein sehr frei vom Körper erlebt und gehalten werden kann.

Es muss aber bedacht werden, dass der Aspirant früher einen Lehrer hatte, der ihn durch die jeweiligen Stufen führte und einweihte, wenn er ihn als reif dafür erachtete. Dies setzte auch einen Gehorsam des Schülers zum Lehrer voraus und eine Bereitschaft zum weitgehenden Verzicht auf ein weltliches Leben.

Der moderne Mensch der heutigen westlichen Kultur wird wenig geneigt sein, sich einem Lehrer zu unterwerfen. Und ein Lebensrückzug scheint heute auch nicht mehr sinnvoll.

Moderneren Yogawegen wie dem Integralen Yoga von Sri Aurobindo (1872 - 1950) und dem Neuen Yogawillen von Heinz Grill (1960) liegt deshalb die Forschung nach einer Möglichkeit des eigenaktiven spirituellen Wachstums verbunden mit einer direkten Integration in das alltägliche Leben zugrunde. Spiritueller Fortschritt muss sich demnach immer im sozialen Umfeld förderlich auswirken. Deshalb stellt sich schon die Frage wie die Atem-Techniken der pranayama-Übungen gedacht und praktiziert werden könnten, damit nicht nur eine Zunahme des Atemvolumens oder ein persönlicher Energiegewinn dabei erreicht wird. Es könnten daraus wieder neue Ansätze sowohl für die traditionell ausgerichteten Yogastile als auch für westlich orientierte Yogawege entstehen.