Das muladhara chakra

Das sogenannte "Wurzelzentrum" ruht an der Basis der Wirbelsäule. Es wird allgemein mit dem Erdelement gleichgesetzt, das ein Ausdruck ist für Formen und Form-strukturen. Alle irdischen Formen unterliegen dem Zeitenstrom und damit der Vergänglichkeit. 

Auch der physische Körper ist eine irdische Form, die einmal wieder der Erde zurückgegeben wird. Für die Entwicklung dieses Zentrums ist es deshalb sinnvoll, die Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und des Willens nicht in ungünstiger Weise an die materiellen Erscheinungen zu binden.  

"Das Feste, das körperliche Dasein darf der Einzelne auf seinem Weg nicht begehren, zumindest nicht über die natürlichen und existenziellen Bedürfnisse hinaus, sondern er muss lernen es zu formen, zu plastizieren und schließlich sogar zu erbauen, sodass das körperliche oder erdenhafte und feste Element zu seiner ihm gemäßen natürlichen Ordnung, Schönheit und Reinheit findet."

(Heinz Grill, Die Seelendimension des Yoga)

Das muladhara chakra steht in Zusammenhang mit der Urbildekraft. Was ist eine Urbildekraft?

Es ist eine bildende, formende, Struktur gebende Kraft, die nicht aus dem Körper kommt, sondern aus dem Geist. Man kann sagen, es ist eine Willenskraft, die aber nicht aus dem Körper heraus frei wird, sondern über einen Gedanken formend in den Körper hereintritt.

Einen Gedanken über längere Zeit einmal zu denken, an einem Gedanken zu bleiben, ihn durchzudenken, ihn durchzuhalten, eine Empfindung daraus zu erhalten, das ist heutzutage etwas sehr seltenes. In der Regel werden die Gedanken aneinandergereiht, mehr oberflächlich genommen und auf intellektuelle Weise in das Eigene integriert. Aus dem Gedanken kann sich dann keine Substanzkraft entfalten, die auch dem Willen des Menschen eine formende Bewegung gibt.

Konfrontiert man sich mutig mit einem Thema, einem Begriff, einer Situation, einem Umstand, erforscht dies über längere Zeit und mit eigenem Interesse, dann entsteht eine Kraft, den Willen so zu ergreifen, dass es zu einem moralischen Fortschritt kommt. Es gibt dem Menschen ein Aufrichtevermögen, eine Kraft, etwas ertragen zu können, sich etwas gegenüber zu stellen und eigenaktiv, frei und klar zu handeln. 

Fehlt diese Urbildekraft, diese ICH-Kraft aus dem Gedanken, dann stehen zu sehr die Gefühle des Körpers im Vordergrund oder der Intellektualismus. Die kreative schöpferische Fähigkeit des Menschen, die Erkraftung zu Weisheit und Reife, die wirkliche Liebeskraft die auf individuelle Weise das Leben veredelt und schöpferisch ausgestaltet und dem Menschen ein Rückgrat gibt, lebt durch diese Urbildekraft.  

Die Bewegung

 

Aus konkreten und klaren Vorstellungen wird der Körper in die Übung geführt. Gefühle und Emotionen, die zum Körperbewusstsein gehören, werden zur Ruhe gebracht und das Bewusstsein gleitet nicht in das Innenleben der Organe hinein. Der Körper dient als Instrument, um eine Idee an ihm auszuformen und sichtbar zu machen.

Aus einer vom Körper und von Körpergefühlen unabhängigen Entschlossenheit entwickelt sich eine große Kraft. Dies geschieht in der asana durch einen gezielt getätigten punktuellen Krafteinsatz nach einem vorangehenden Ruhig-werden im Körper.

 

Der Pfau (mayurasana)

Die gesundheitliche Bedeutung

Mit dieser Urbildekraft steht auf der körperlichen Ebene der Eiweißaufbau in Verbindung. Die Nahrung die der Mensch zu sich nimmt, muss zunächst vollständig zerstört und zersetzt werden um dann vollkommen neu das individuelle Eiweiß zu bilden. Unabhängig vom menschlichen Zutun findet hier ein gewaltiger, ständig neu schaffender Prozess statt, der die Organe zu einer festen Form heranbildet und ihnen eine Struktur gibt. Durch Überforderungen und körperliche Schwächungen reduziert sich die eiweißbildende Aufbauleistung. Die Organe verlieren ihre Festigkeit, es kommt zu Mangelerscheinungen wie z.B. Eisenmangel und die Schwäche greift auch auf die Psyche über. Dauert dieser Zustand an, kann es zu Psychosen und Depressionen kommen. Es fehlt die Kraft zum Gedanken und zur Außenwahrnehmung und einer daraus resultierenden Willenskraft.

 

Nicht nur die Qualität der Nahrung sondern auch der Atem sind entscheidend für die Eiweißbildekraft. Der Atem sollte leicht bleiben und der Luft gerecht werden, die leicht und schwerelos ist. In der Atemluft befinden sich nicht nur Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff, sondern auch feinere Substanzen. Diese feineren Substanzen werden durch das Denken und die Gefühle der Menschen erzeugt und integrieren sich in den Luftkreis, werden mit eingeatmet und haben eine Wirkung auf die Organe. Man könnte jetzt die berechtigte Frage äußern, wie man sich dagegen schützen kann, denn wer möchte schon alles einatmen, was "in der Luft liegt". Der beste Schutz liegt in einer wachen Sicht nach außen und in einer klaren und konkreten Dialogführung, die Polarisierungen, Missionierungen und Manipulationen vermeidet. Indem im Gespräch verschiedene Begriffe und Phänomene zu einer Anschauung erhoben und in ihrer Bedeutung heraus gearbeitet werden entstehen daraus für die Beteiligten wieder neue Erkenntnisse.

 

So wie ein Mensch sich zu den Verhältnissen des Lebens die Gedanken bildet, so bildet er auch sein Eiweiß und dies gibt seinen Organen die Struktur und dem Körper die Form. Es gibt auch ihm selbst die Kraft, das was von außen in den Menschen hereinkommt, ertragen zu können und sich durch eigenaktive Gedankenbildung wieder aufrichten zu können. Diese Kraft wird von Heinz Grill als Urbildekraft bezeichnet.

 

Die Kundalini-Kraft

Das muladhara chakra oder Wurzelchakra ist in der hinduistischen Tradition eng verknüpft mit der Kundalini-Energie. Steigt diese Kraft durch spirituelle Disziplin aus dem Wurzelchakra auf bis in das Scheitelchakra, führt es zu dem Zustand der sogenannten "Erleuchtung". Ein physisches Bewusstsein steigt zu einem kosmischen Einheitsbewusstsein auf. Auch mit Hilfe verschiedener Techniken kann die Kundalini- oder Schlangenkraft erweckt werden. Nach der tantrischen Lehre handelt es sich um die göttliche Kraft in ihrer individuellen Inkarnation im Menschen. Ein Freiwerden dieser großen und eigenständig wirkenden Kraft sollte immer mit einer entsprechenden Bewusstseinsentwicklung einhergehen. Indem die Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und des Willens durch einen seriösen Geistschulungsweg zunehmend mehr Reife und Weisheit gewinnen, kann ein Mensch auch eine kreative und schöpferische Liebesfähigkeit entwickeln und alles in seinem Umfeld veredeln und anheben. Die Kundalinikraft wird auf diese Weise mit dem Grad der Entwicklung aufsteigen und aus der Führungskraft des Menschen heraus in gewünschte Bahnen gelenkt werden können.