Das visuddha chakra

"Mit der Entwicklung des visuddha chakra, des Zentrums an der Schilddrüse, lernt der Schüler die sensible Offenheit des Bewusstseins im Sinne eines fortwährenden, kreierenden Vorstellungslebens aus neuen Urgründen kennen. Er praktiziert beispielsweise eine Übung, die er bereits mehrere Male ausgeführt hat. Durch diese wiederholte Praxis können einige Lernschritte, wie beispielsweise die Art der körperlichen Ausführung, auf natürliche und automatische Weise vollzogen werden. Im Bewusstsein jedoch löst er sich von den bisherigen Erfahrungen und Eindrücken zu einem gewissen Grade los, um die Übung auf ganz neue Weise zu erleben und im sensiblen Augenblick der gegenwärtigen Erfahrung innezuhalten. Durch diese Loslösung von den alten Erfahrungen, die das Bewusstsein besetzen und es an die Vergangenheit heften, entsteht eine Lernanforderung, die eine zunehmende Wachheit, Sensibilität und Bewusstseinsruhe voraussetzen. Nur in der Ruhe und in der Beobachtung können die alten Erfahrungen zur Zurückweisung gelangen und den neuen kommenden Eindrücken einen Raum geben. Der Übende lernt hier auf dieser Stufe die wache und freie Ruhe des Bewusstseins kennen. In der sensiblen Offenheit atmet ein freies Kräftewirken des getätigten Vorstellungslebens, das die Peripherie des Körpers erhellt." (Die Seelendimension des Yoga, Heinz Grill)

In der Stellung des Fisches (matsyasana) lernt der Übende den Körper sehr differenziert zu ergreifen. Er zentriert die Spannung gezielt an einem Punkt zwischen den Schulterblättern und hebt den gesamten Lungenbereich weit nach oben heraus. Gleichzeitig achtet er auf eine Entspannung in den gestreckten, am Boden ruhenden Beinen und dem gesamten Hals-, Nacken- und Kopfbereich.

Dies erfordert eine sehr wache und aufmerksam beobachtende Präsenz des Übenden, in der er mit einer klaren gedanklichen Aktivität den Körper in eine exakte Spannungsverteilung führt. Er erlebt sich im Bewusstsein wach und kreierend und nimmt den Körper sehr differenziert dabei wahr. 

Normalerweise denken wir weniger aus der unmittelbaren Beobachtung, die außen ansetzt, sondern mehr aus den aufgespeicherten Erinnerungen, die wir nach außen projizieren oder den subjektiven Gefühlen. 

Eine Landschaft wie diese würden wir ganz spontan vielleicht als "schön" bezeichnen. Wenn wir sie differenziert betrachten, würden wir z.B. die verschiedenen Farben und Formen der Pflanzen beschreiben, die Konturen der Hügelkette und die unterschiedlichen Eindrücke, die durch den Licht- und Schattenwurf entstehen. Dazu müssten die Sinne sehr genau nach außen gerichtet und die Gedanken dazu aktiv aufgebaut werden. Indem wir klare Vorstellungen aufbauen, erleben wir uns in der äußeren Umgebung tätig und nicht im eigenen inneren Erleben versunken. Auf diese Weise können neue Wahrnehmungen und Erfahrungen hinzukommen und das Bewusstsein bereichern, während sich altes, unbrauchbares ablösen kann.

Durch die aktiv gebildeten Gedanken erlebt sich der Mensch im Inneren geordneter und nach außen in gewisser Weise umhüllt und geschützt, ohne jedoch von der Umwelt abgeschirmt zu sein.

Rudolf Steiner nennt 8 Eigenschaften, die für die Entwicklung des visuddha-chakra ausgebildet werden müssen:

  • Jede Vorstellung, die man sich bildet, soll eine bestimmte Botschaft, eine Kunde über Dinge der Außenwelt geben. Das ganze Begriffsleben ist so zu lenken, dass es ein treuer Spiegel der Außenwelt wird und unrichtige Vorstellungen aus der Seele entfernt werden. 
  • Der Mensch soll nur aus gegründeter, voller Überlegung selbst zu dem Unbedeutendsten sich ent-schließen.
  • Nur was Sinn und Bedeutung hat, gedankenvoll und in jeder Richtung überlegt, soll gesprochen werden.
  • Das eigene Handeln ist so einzurichten, dass es zu den Handlungen seiner Mitmenschen und zu den Vorgängen seiner Umgebung stimmt.
  • Weder Übergeschäftigkeit noch Trägheit prägen das Leben.
  • Man versucht nichts zu tun was außerhalb der eigenen Kräfte liegt und auch nichts zu unterlassen was innerhalb derselben sich befindet. Hierzu gibt man dem Leben durch Ziele und Ideale eine sinnvolle Richtung.
  • Man möchte möglichst viel vom Leben lernen und einen großen Schatz an Erfahrungen sammeln, die man bei Entscheidungen sorgfältig zu Rate  zieht.
  • Von Zeit zu Zeit sind Blicke in das eigene Innere zu tun, die Lebensgrundsätze zu bilden und zu prüfen, die Kenntnisse in Gedanken zu durchlaufen, seine Pflichten zu erwägen und über den Inhalt und Zweck des Lebens nachzudenken. (Quelle: Wie erlangt man Kenntnisse der höheren Welten?)