Der Mensch

in seiner physischen und metaphysischen Dimension

Es gibt verschiedene Bilder, wie man den Menschen in seiner Stellung im Leben betrachten kann. So kennt man das Menschenbild aus der kirchlichen Tradition und auch ein gewisses Ideal das der moderne Zeitgeist anstrebt.  

Wir orientieren uns an dem viergliedrigen Menschenbild, das Rudolf Steiner in der Anthroposophie zur differenzierteren Erfassung der verschiedenen menschlichen Dimensionen gegeben hat.

 

Das ICH

 

Hierbei wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch über eine Schöpferkraft verfügt und aus nichts etwas erschaffen kann. Der Mensch kann etwas wollen und ausgehend von einer Idee, die er in Gedanken kreiert, schließlich etwas in eine Umsetzung und Manifestation bringen. Dadurch verbindet er eine ungreifbare transzendente geistige Welt mit einer sichtbaren festen irdischen Welt.

 

Zudem kann der Mensch sich über seine gegebene subjektive Anlage und Genetik hinaus entwickeln. Dies hängt mit der Fähigkeit zusammen, seine Gedanken und Gefühle reflektieren, beobachten und lenken zu können. Es ermächtigt ihn, ein durch Erziehung, Bildung und Erfahrung angeeignetes Wissen immer wieder durch idealere und wahrere Gedanken und Vorstellungen zu übersteigen. Auf diese Weise kann durch den Denkprozess eine große Freiheit errungen werden. Da das menschliche Bewusstsein durch die Instanz des ICH in der Lage ist, sich aktiv in freien, konkreten Gedanken zu bewegen, ist der Mensch auch fähig, von sich aus zu metaphysischen Erkenntnissen zu gelangen.

Die Entwicklung dieser frei verfügbaren Ich-Kraft bildet die Mitte des Yoga.

 

 

 

Die Übung tadasana bezeichnet das Ich-Gefühl des Menschen, das gerade durch das Aufgerichtetsein im Stand besteht. Dieser Stand ist aber nicht ein fester, statischer oder unerschütterlicher, er ist ein Stand, der beständig durch die Kontrolle gegenüber der Außenwelt im Lot gehalten werden muss. Der Übende sollte während der Ausführung nicht in ein Träumen versinken, er sollte die Augen nicht schließen, er muss in wacher Kontrolle gegenüber den Raumverhältnissen bleiben. Das Ich ist in seiner ausübenden Funktion tätig, wenn der Übende innerhalb seiner Beziehungsverhältnisse wachsam, ordnend und korrigierend bleibt und die Räume für die Entwicklung offen lässt. Die Erfahrung dieser aktiven Funktionsausübung des Ich ist die Bedeutung der Übung.

("Die Seelendimension des Yoga", Heinz Grill, S. 122) 

Die Seele

 

„Für die Seele gibt es zu keiner Zeit Geburt oder Tod. Sie ist nicht entstanden, sie entsteht nicht, und sie wird nie entstehen. Sie ist ungeboren, ewig, immerwährend und urerst. Sie wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.“

Bhagavad Gita 

 

Die Seele wird allgemein mit inneren Stimmungen und Gefühlen in Zusammenhang gebracht. Sie hat aber auch eine sehr tiefe und metaphysische Realität, denn sie lebt nach den Forschungen der Geisteswissenschaft nach dem physischen Tod weiter. Für ein Verständnis dieser metaphysischen Realität der Seele ist eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den Aussagen von Geistforschern nötig.

 

Die Seele besitzt gemäß der Beschreibung von Rudolf Steiner drei aktive Grundkräfte, die mit dem Denken, Fühlen und Wollen eine Benennung erhalten. Diese Kräfte sind entweder bewusst oder unbewusst ständig in einer Aktivität, in der sie mit der Außenwelt in einer Beziehung stehen. Bei jedem Menschen sind diese drei Grundkräfte anders angelegt und deshalb auch unterschiedlich betont.

Die schöpferische Ich-Kraft benötigt das Denken, das Fühlen und den Willen des Menschen, um sich im Leben ausgestalten zu können, denn sonst würde beispielsweise eine Idee immer nur ideenhaft und weltenfern bleiben und könnte sich nicht im irdischen, materiellen Leben auf sichtbare Weise manifestieren.

 

Damit diese 3 Seelenkräfte ein brauchbares Instrument für das übergeordnete ICH werden, benötigen sie eine Schulung und immer wieder Möglichkeiten für eine Ausdehnung und Erweiterung ihrer bestehenden Qualitäten.

 

Um Yoga im Sinne einer Meisterschaft über das Leben zu erlangen, ist es deshalb  bedeutsam, die Seelenkräfte ordnen zu können und sie eigenaktiv zu immer wieder neuen Perspektiven zu führen, die in eine tiefere Beziehung zur Welt und den Mitmenschen münden.

 

Auf tiefsinnige und seriöse Weise hat Heinz Grill im Grundlagenwerk zum Neuen Yogawillen „Die Seelendimension des Yoga“ sowohl die metaphysische Realität der Seele dargestellt als auch in der Gestaltung der Übungsweise einen Lernprozess zur Ordnung der Seelenkräfte gegeben. Der Beruf des Yogalehrers erhält dadurch für den spirituellen Fortschritt der Menschen eine ganz neue und weitreichende Bedeutung.

 

 

 

Die Aktivität innerhalb des Übens bleibt immer gegliedert. Die Sinne bleiben beobachtend, in der Wirbelsäule entwickelt sich die Spannkraft, während der Körper selbst als ruhige Basis wie ein Instrument behandelt und betrachtet wird.

 

 

 

 

anjaneyasana, der Halbmond

Der Ätherleib

 

Dieser feinstoffliche Leib verbindet nun das körperliche Dasein mit dem Seelen- und Geistleben. Ohne Ätherleib wäre es nicht denkbar, dass eine Idee oder ein Gedanke der intensiv gedacht wird, den Menschen so im Willen beflügelt, dass er schließlich in eine Umsetzung kommt. Der Ätherleib stellt gewissermaßen eine Substanz zur Verfügung für die körperliche und psychische Kondition. Je freier und objektiver Gedanken und Vorstellungen in der Beziehungsaufnahme zur Außenwelt gedacht werden können, umso freier und lichter sind auch die Ätherkräfte, die herangebildet werden und den Körper sowie das Gemüt des Menschen mit lebenskräftigen Substanzen erbauen.

 

Ohne Ätherleib wäre der menschliche Körper den an der Materie wirkenden Schwerkräften ausgesetzt und es könnte sich zum Beispiel die menschliche Wirbelsäule nicht in dieser Leichtigkeit entgegen der Gravitation in die vertikale Aufrichtung erheben.

 

Aus der Anthroposophie ist die Einteilung in vier verschiedene Ätherkräfte bekannt, den Wärmeäther, den Lichtäther, den chemischen Äther und den Lebensäther.

Heinz Grill hat in dem Buch „Ein neuer Yogawille und seine therapeutische Anwendung bei Depressionen und psychischen Krankheiten“ konkrete Möglichkeiten vorgestellt, wie durch eine bewusst gestaltete Übungsweise gezielt diese vier Äther erschaffen werden können.

 

Der Fisch matsyasana
Der Fisch matsyasana

 

Bildet sich der Übende zur vorgenommenen Übung eine klare Vorstellung mit konkreten Gedanken, so entsteht dadurch Wärmeäther. "Wenn eine Idee auf diese Weise zur Ausarbeitung gelangt, so entwickelt sich eine subtile, wohltuende Wärmeentwicklung von innen heraus, die heilend, ordnend und anregend auf den aufbauenden Metabolismus wirkt. Es wird auf diese Art der Praxis der Feueräther, der alles umschließende Äther zu seiner festigenden und einigenden Tätigkeit erweckt." (Heinz Grill, Initiatorische Schulung in Arco, Band 6, S. 160)

 

 

 

 

Der Ausführung lag die Vorstellung eines intensiven Spannungs-

aufbaus zwischen den Schulterblättern zugrunde, während Kopf

und Nacken sowie der Unterkörper entspannt bleiben sollen.

Der physische Körper

 

Der Körper ist nun das letzte Glied und stellt das Instrument dar, mit dem der Mensch als geistiges und seelisches Wesen in der Welt tätig wird und seinen Willen zum Ausdruck bringt.

 

 

Die horizontale Bewegung ist ein Sinnbild für das irdische Leben. Die Waage tuladandasana wächst dynamisch aus dem manipura-cakra im Bereich des Sonnengeflechts in die horizontale Linie. 

Sie ist ein Ausdruck für eine mutige und freie Handlungskraft des menschlichen Willens in der Welt. 

Die Minerale haben nur einen physischen Leib, Pflanzen darüber hinaus auch den Ätherleib und die Tiere besitzen einen physischen Leib, einen Ätherleib und einen Astralleib. Dem Menschen sind alle vier Glieder eigen. Das höchste Glied eines sogenannten Ich oder Ich-Selbst erhebt den Menschen über die anderen Reiche der Schöpfung.

(„Das Wesensgeheimnis der Seele“, Heinz Grill, Seite 43)